Hinter Soap&Skin steckt die Österreicherin Anja Plaschg. Auf dem ersten Soap&Skin-Album “Lovetune For Vacuum” musiziert sie komplett allein, abgesehen von einigen wenigen Gastmusikern. Plaschg war Titelfigur der ersten Ausgabe des Indie-Frauen-Popkulturmagazins Missy (“Der düstere Popstar”) und fand bereits Mitte 2008 auch an vielen anderen Orten große Beachtung, obwohl man von ihr nicht mehr als den Song »Mr. Gaunt Pt 1000« kannte, der auf einer Shitkatapult-EP erschienen war.
Ihre Konzerte finden an so illustren Orten wie dem Wiener Museum für angewandte Kunst statt. In ihrer Rolle als “Wunderkind”, in die sie im Zuge der Berichterstattung darüber gedrängt wurde, fühlt sich die heute 18-Jährige Plaschg nachvollziehbarerweise nicht wohl. Hanebüchene Zuschreibungen wie “altersweiser Teenager-Pathos” (taz) musste sie dennoch ertragen und so fokussiert sich die Berichterstattung zum Debüt-Album von Soap&Skin auf die Person Anja Plaschg, ihr Alter, ihre Kunststudium und ihr Frau-Sein. Hier soll es nach dieser kurzen Einleitung ausnahmsweise allein um die Musik auf “Lovetune For Vacuum” gehen.
Da ist zuerst das Klavier, das einem von Anfang an Schauer über den Rücken jagt; gleiches gilt für die Stimme, die von einer überwundenen Zerbrechlichkeit ist. Nicht unverwundbar, eher unangreifbar. Wie sie es schafft, diese Brüchigkeit in solche Stärke zu verwandeln, gibt Rätsel auf. Schließlich die Elektronik: Mal nur ein Zischen und Blasen ganz im Hintergrund, mal ganz und gar Stimmung und Struktur bestimmende Beats und Samples, wie bei dem beeindruckenden Patchwork-Instrumental-Track “DDMMYYYY”, dem man zurückgezogene langwierige Detail-Arbeit anhört.
Das “Lovetune For Vacuum” zeitlich kurz vor einem neuen Werk von PJ Harvey erscheint, ist natürlich reiner Zufall und doch könnte Soap&Skin die frühe Erbin Polly Jeans sein, die ihre Seele wie schimmernd-schwarz-seidene Tücher hervorquellen lässt. Wenn das Piano in voller Lautstärke klingt, unter dem harten Anschlag zu ächzen scheint, die Elektronik dazu einen ruhelosen Rhythmus dampfmaschint und die vervielfachte Stimme wie ein Erynien-Chor klingt, übt diese Musik eine Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Die meisten Stücke werden allein von Plaschgs Stimme und dem zwischen autistisch und furios pendelnden Klavierspiel getragen. An ausgewählten Stellen kommen klickende und stampfende, verschachtelte Beats zum Einsatz, so wie bei “Fall Foliage”, unter dem es dröhnend rumort; “fallendes Laub”, Trauermärsche (“Marche Funèbre”), der griechsche Todesgott “Thanatos” – die Texte sind voll von jenseitigen Bildern.
Soap&Skin wirkt wie ein selbst-stilisiertes Opfer (im rituellen Sinn), eine ihr Leid (er)tragenden Märtyrinnen-Figur, jedoch ohne die schicksalergebene Passivität, welche solcher Rolle anhaften kann. Sie verwandelt ihr Leid in etwas Schmerzhaft-Schönes, das ästhetischen Lustgewinn verspricht und zugleich den Blick schärft für die Tiefen menschlicher Qual, die hier ausgelotet werden. Hier wird die Quelle der Kraft erkennbar, die in Soap&Skin pulsiert, denn als Künstlerin lenkt Plaschg die Blicke ihres Publikums und hat die Kontrolle über jeden einzelnen, der sich an ihrer Seelenpein weidet.
(PIAS)
Soap&Skin: The Sun
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